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Buchrezension: Weapons of Mass Migration von Kelly M. Greenhill

In „Weapons of Mass Migration“ präsentiert Kelly M. Greenhill ein provokantes Argument: Staaten und nichtstaatliche Akteure nutzen Zwangsvertreibung seit Langem als strategisches Mittel, um ihre Gegner zu zwingen, zu destabilisieren und ihnen Zugeständnisse abzuringen. Durch die Kombination rigoroser Datenanalysen mit fesselnden Fallstudien – von Kubas Mariel-Schiffsoperation bis hin zu Nordkoreas Flüchtlingsdiplomatie – hinterfragt Greenhill gängige Ansichten zu Migration, Sicherheit und Machtpolitik. Fehlt hier ein Teil unseres Verständnisses globaler Krisen, oder überzeichnet es die Absichten im Chaos der Vertreibung?


Lesen Sie weiter, um es herauszufinden.



Borders are no longer just lines on a map—they are battlegrounds for political leverage, strategic coercion, and international power struggles. In Weapons of Mass Migration, Kelly M. Greenhill exposes how states and non-state actors exploit forced displacement as a tool of influence, turning human lives into bargaining chips in global conflicts. Through data-driven analysis and gripping case studies, Greenhill reveals how migration crises are not always accidental—but sometimes engineered with precision to reshape geopolitics.
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Buchrezension zu „Weapons of Mass Migration“ von Kelly M. Greenhill


Einleitung: Eine zeitgemäße und provokative Untersuchung


Weapons of Mass Migration: Forced Displacement, Coercion, and Foreign Policy“, von Kelly M. Greenhill, präsentiert ein überzeugendes und gründlich recherchiertes Argument: Migrationskrisen sind nicht einfach Nebenprodukte von Krieg, wirtschaftlicher Not oder Klimawandel, sondern werden manchmal gezielt als Instrument staatlicher Macht herbeigeführt.


Greenhill prägt den Begriff „coercive engineered migration“ und bezeichnet damit Fälle, in denen schwache Akteure (wie kleinere Staaten oder nichtstaatliche Akteure) Migrationsströme manipulieren, um politischen Druck auf stärkere Staaten auszuüben.


Sie argumentiert, dass diese Taktik historisch übersehen wurde, aber weit verbreitet und oft erfolgreich ist, wenn es darum geht, internationale Politikergebnisse zu beeinflussen. Das Buch integriert statistische Analysen großer N-Bereiche mit qualitativen Fallstudien und bietet so sowohl empirische Breite als auch narrative Tiefe.


Stärken: Ein bahnbrechender Beitrag


Eine der größten Stärken des Buches ist seine Fähigkeit, Migrationsforschung und Sicherheitsforschung zu verbinden – zwei Bereiche, die oft isoliert betrachtet werden. Greenhill argumentiert erfolgreich, dass Zwangsmigration nicht allein aus humanitärer oder wirtschaftlicher Perspektive, sondern als Instrument der Machtpolitik verstanden werden sollte.


Mehrere wichtige Beiträge stechen hervor:


  1. Systematische empirische Analyse – Greenhill identifiziert über 50 Fälle zwangsweiser Migration seit der Verabschiedung der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 und zeigt, dass es sich weder um ein isoliertes noch um ein seltenes Phänomen handelt.

  2. Tiefgehende Fallstudie – Anhand historischer und aktueller Beispiele untersucht sie Vorfälle wie Kubas strategischen Einsatz von Migration während der Mariel-Schiffsoperation, die Rolle von Flüchtlingen bei der NATO-Intervention im Kosovo und Nordkoreas Manipulation von Migrationsströmen, um wirtschaftliche Zugeständnisse zu erzwingen.

  3. Politische Relevanz – Das Buch ist nicht nur eine akademische Übung; es bietet präskriptive Erkenntnisse für politische Entscheidungsträger, insbesondere in liberalen Demokratien. Greenhill hebt hervor, wie besonders offene Gesellschaften aufgrund ihres Engagements für Menschenrechte und transparente politische Prozesse anfällig für migrationsbedingten Zwang sind.


Schwächen: Annahmen und Einschränkungen


Trotz seiner Stärken weist „Weapons of Mass Migration“ einige bemerkenswerte Einschränkungen auf:


  1. Überbetonung staatlicher Intentionalität – Greenhill zeigt zwar überzeugend auf, dass manche Migrationskrisen strategisch inszeniert werden, läuft aber manchmal Gefahr, die Intentionalität von Zwangsvertreibungen zu überbewerten. Viele Krisen entstehen aus komplexen, multikausalen Prozessen, und das Ausmaß, in dem staatliche Akteure sie aktiv steuern, lässt sich nur schwer quantifizieren.

  2. Eingeschränkte Perspektive auf Handlungsfähigkeit – Das Buch stellt Migranten und Flüchtlinge weitgehend als Spielfiguren in einem strategischen Spiel mächtiger Akteure dar. Dies ist zwar ein nützlicher Rahmen für die internationalen Beziehungen, spielt aber die Handlungsfähigkeit vertriebener Bevölkerungsgruppen herunter, die oft eigene strategische Entscheidungen treffen, anstatt lediglich als Instrumente staatlicher Politik zu dienen.

  3. Vernachlässigung struktureller Wirtschafts- und Umweltfaktoren – Greenhills Argumentation konzentriert sich auf politischen Zwang, widmet aber weniger der Frage, wie wirtschaftliche Globalisierung und Klimawandel überhaupt erst die Voraussetzungen für groß angelegte Migration schaffen. Eine umfassendere Auseinandersetzung mit diesen strukturellen Kräften hätte die Aussagekraft des Buches gestärkt.


Vergleich mit ähnlichen Werken


Greenhills Analyse baut auf bestehenden Migrations- und Sicherheitsstudien auf und hinterfragt diese. Im Gegensatz zu Werken, die Migration primär aus wirtschaftlicher oder humanitärer Sicht betrachten, wie etwa „The Ethics of Refugee Policy“ von Matthew Gibney oder „The Global Migration Crisis“ von Myron Weiner, positioniert „Weapons of Mass Migration“ Migration klar als Instrument internationaler Nötigung. Es ergänzt zudem die Arbeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wie Fiona Adamson, die untersucht hat, wie nichtstaatliche Akteure und transnationale Netzwerke die Migrationspolitik beeinflussen.


Im Vergleich zu Studien über asymmetrische Kriegsführung – wie etwa Andrew Macks „Why Big Nations Lose Small Wars“ – wendet Greenhills Buch eine ähnliche Logik auf Migration an: Schwache Akteure können die politischen Zwänge stärkerer Staaten ausnutzen, um unverhältnismäßigen Einfluss zu erlangen.


Weitergehende Auswirkungen


Das Buch hat erhebliche Auswirkungen sowohl auf die Wissenschaft als auch auf die Politik:


  1. Für Wissenschaftler: Greenhills Ansatz eröffnet eine neue Perspektive für die Untersuchung von Migrationspolitik. Er geht über konventionelle Push-Pull-Modelle hinaus und betrachtet Zwang als strategische Variable.

  2. Für politische Entscheidungsträger: Das Buch warnt liberale Demokratien vor ihrer Anfälligkeit für migrationsbedingten Zwang. Greenhill schlägt vor, dass robustere politische Instrumente – von diplomatischer Abschreckung bis hin zu Medienstrategien – erforderlich sind, um solchen Taktiken entgegenzuwirken.

  3. Für Menschenrechtsaktivisten: Das Argument, Migration könne als Waffe eingesetzt werden, wirft schwierige ethische Fragen darüber auf, wie demokratische Staaten reagieren sollten, ohne ihre Verpflichtungen zum Flüchtlingsschutz zu gefährden.



Endgültiges Urteil: Wer sollte das lesen?


Weapons of Mass Migration“ von Greenhill ist eine Pflichtlektüre für Wissenschaftler der internationalen Beziehungen, Sicherheitsstudien und Migrationspolitik. Auch für politische Entscheidungsträger, die sich mit Migrationskrisen und Bedrohungen der nationalen Sicherheit auseinandersetzen, ist es von unschätzbarem Wert. Leser sollten das Buch jedoch kritisch betrachten und die strukturellen Kräfte berücksichtigen, die Migration ebenfalls vorantreiben.


Obwohl Greenhills These provokant und gut belegt ist, stellt sie keine umfassende Erklärung für alle Formen der Zwangsvertreibung dar. Dennoch liefert ihre Arbeit einen wesentlichen Rahmen für das Verständnis von Migration als machtpolitisches Instrument und leistet damit einen wichtigen Beitrag zu diesem Forschungsgebiet.

⭐⭐⭐⭐☆ Rating: 4/5


  • Vorteile: Bahnbrechende Forschung zu Migration als Zwangsmittel, fundierte empirische Analysen, relevante Fallstudien und klare politische Implikationen.

  • Nachteile: Überbetonung staatlicher Intentionen, begrenzte Diskussion der Migrationskompetenz und unzureichende Auseinandersetzung mit strukturellen Wirtschafts- und Umweltfaktoren.

  • Empfohlen für: Wissenschaftler der Internationalen Beziehungen, Sicherheitsstudien und Migrationspolitik; politische Entscheidungsträger im Umgang mit Migrationskrisen; Menschenrechtsaktivisten, die sich in politisch brisanten Kontexten mit dem Flüchtlingsschutz auseinandersetzen.


Für Bestellungen: https://www.cornellpress.cornell.edu/book/9781501704369/weapons-of-mass-migration/  (Kein Affiliate Link; Wir werden nicht für Buchrezensionen bezahlt.)


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